 |
Familienanschluss inklusive
Eine diakonische Einrichtung geht neue Wege. Menschen mit einer Behinderung sollen, wenn möglich, auch in Familien leben können. Finden sich genügend Gastfamilien?
Roland Schwanecke
Das Martinshaus Berghausen ist eine diakonische Einrichtung des
Badischen Landesvereins für Innere Mission in der Nähe von Karlsruhe.
Über hundert Menschen mit Behinderung haben hier ihr Zuhause. Abhängig
von ihren Möglichkeiten leben sie intensiv betreut in einer Wohngruppe
des Martinshauses, in den Aussenwohngruppen in Karlsruhe und in Bretten
bei Bruchsal oder im ambulant begleiteten Wohnen.
Von den
Behinderteneinrichtungen neu gefördert wird das «Begleitete Wohnen in
Familien» (BWF), auch dies ein ambulantes Betreuungsangebot für
Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung. An der Idee
beteiligt sind das Martinshaus Berghausen und die Lebenshilfe
Bruchsal-Bretten. Letztere unterhält neben Wohnstätten auch
behindertengerechte Werkstätten und sorgt so für geeignete
Arbeitsplätze.
Doch was hilft das schönste Projekt, wenn es an
Gastfamilien fehlt, die bereit sind, solche Menschen bei sich
aufzunehmen? Die Heilpädagogin und Leiterin des Martinshauses, Antje
Grihn, erklärt: «Wir haben gerade mal zwei Gastfamilien, die diese
Wohnform anbieten. Deshalb wollen wir das begleitete Wohnen in Familien
bekannter machen.» Denn Antje Grihn geht davon aus, dass die
Bereitschaft in unserer Gesellschaft, sich zu engagieren und betroffene
Menschen aufzunehmen, wachse. Zudem bietet das Projekt wichtige
Unterstützung: Familien, die einen behinderten Menschen aufnehmen,
werden dabei sowohl beratend als auch finanziell unterstützt.
Die
Erfahrungen zeigen: Das Wohnen in einer Gastfamilie bietet für alle
Beteiligten Vorteile: Freier Wohnraum kann besser genutzt werden. Durch
die Betreuung wird Arbeitskraft eingesetzt. Je nach Ressourcen erhalten
ein oder zwei Personen mit Behinderung optimale Unterstützung.
Behinderte Menschen werden in den Familienalltag eingegliedert. Sie
können tagsüber zur Arbeit gehen und abends in ihrem gewohnten Umfeld
am kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Familie teilnehmen.
Schon
im Vorfeld werden die ambitionierten Familien vom Fachpersonal des
Martinshauses Berghausen und der Lebenshilfe Bruchsal-Bretten e. V.
besucht. Im Gespräch werden Wünsche und Bedürfnisse des künftigen
Mitbewohners thematisiert. Auf der anderen Seite werden auch die
interessierten Personen bei der Suche nach geeigneten Gastfamilien
unterstützt und beraten und die Kontakte zwischen Familien und Gästen
hergestellt. Eine Phase des Probewohnens hilft beiden Parteien, sich
«zu beschnuppern». Der Fachdienst steht dabei zur Seite. Und auch
während des betreuten Wohnens ist die regelmässige Beratung durch
Hausbesuche gewährleistet. Nicht nur in Krisensituationen, auch zum
Erfahrungsaustausch stehen die begleitenden Mitarbeiter den Familien
mit Rat und Tat zur Seite.
Was braucht es, um einen Menschen mit
Behinderung aufnehmen zu können? Gefordert ist ein hohes Mass an
Wertschätzung gegenüber dem neuen Familienmitglied. Man soll ihm
tolerant, partnerschaftlich, auf Augenhöhe begegnen. Eine spezielle
Ausbildung sei dazu nicht nötig, meint Antje Grihn. Gegenseitige
Akzeptanz, Einfühlungsvermögen und eine gesunde Mischung aus Nähe und
Distanz bildeten allein schon eine gute Basis.
Das begleitete
Wohnen in Familien soll den Menschen mit Behinderung eine möglichst
selbstständige und selbstbestimmte Lebensführung ermöglichen. Das
Zusammenleben innerhalb der Familie hilft, Kontakte zu knüpfen und sich
im Alltagsleben zurechtzufinden.
Der Gast lernt in einem geschützten
Rahmen einen normalen Tagesablauf kennen und hilft ihn mitgestalten.
Mithilfe bei der täglichen Arbeit ist, soweit es geht, gefragt. Falls
es sich um einen Familienbetrieb der Gastfamilie handelt
(Landwirtschaft), kann auch dort über einen Einsatz mit den
begleitenden Mitarbeitern nachgedacht werden.
Um die Gastfamilien zu
entlasten, bestehen auch ausserhalb des häuslichen Umfeldes
Möglichkeiten für die Behinderten, sich einzusetzen. Ein Netzwerk
begleitender Dienste bietet Angebote wie die Werkstätten,
tagesstrukturierende Angebote im Martinshaus, Integrationsfirmen im
Landkreis oder andere angepasste Unterstützung auf dem ersten
Arbeitsmarkt.
Finanziert werden die Leistungen von den örtlichen
Kommunen und einem angemessenen Anteil aus dem Eigenvermögen. In einem
Betreuungsvertrag werden die Leistungen zwischen dem Menschen mit
Behinderung, der Gastfamilie, dem Leistungsträger und dem Martinshaus
Berghausen und der Lebenshilfe Bruchsal-Bretten geregelt, die durch
regelmäs-sige Überprüfung durch beratende Besuche für einen
qualitativen Standard sorgen und mit dem Leistungsträger in ständiger
Verbindung stehen.
Bei aller Hilfe und Unterstützung: Es beginnt mit
dem Mut von Familien, sich einer neuen Aufgabe zu stellen! Ob aus
sozialer Verantwortung, aus christlicher Überzeugung, aus allgemeinem
Interesse oder aus allen dreien – sich auf Menschen mit Behinderung
einzulassen, bereichert das Leben aller Beteiligten. So ist ein
wegweisender Grundgedanke im Rahmen der Arbeit im Martinshaus ein Satz
von Phil Bosman: «Gott hat jedem Menschen etwas gegeben, womit er
andere glücklich machen kann.»
zurück
|
 |