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Den Mördern vergeben
Vor drei Jahren wurde Susanne Geskes Mann brutal ermordet. Die mutmasslichen Mörder sind gefasst, aber noch immer nicht verurteilt. Am 16. April führte CNN-Turk ein Live-Interview mit der Witwe. Das Gespräch dauerte doppelt so lang wie geplant. Hier einige Auszüge.
Rolf Höneisen
Vor drei Jahren – am 18. April 2007 – wurde der Deutsche
Tilmann Geske zusammen mit seinen Freunden Necati Aydin und Ugur Yüksel
in der Türkei ermordet. Die drei waren Christen, die sich in der
Übersetzungsarbeit und der Bibelverbreitung engagiert hatten. Die
mutmasslichen Täter sind gefasst, aber ihr Urteil ist noch nicht
gesprochen worden. Die Gerichtstermine in Malatya wurden bereits
mehrfach verschoben, das Verfahren verzögert. Der letzte
Verhandlungstag war am 15. April, wiederum ohne abschliessendes Urteil.
Der Fall hat politische Brisanz. Im Namen von neun Rechtsanwälten führt
Erdal Dogan eine Nebenklage. Er sieht die Angeklagten in einer
Verbindung mit der Geheimorganisation «Ergenekon». Die Nebenkläger
beziehen sich auf ein internes Strategiepapier, den
«Kafes-Operations-Plan» («Käfig-Plan»), der bei einer Razzia gegen
Ergenekon in Istanbul gefunden wurde. In diesem Papier, das auf den
März 2009 datiert ist, werden gleich zu Beginn die Morde an dem
katholischen Pater Santore (Trabzon, Februar 2006), dem armenischen
Publizisten Hrant Dink (Istanbul, Januar 2007) und an den drei Christen
im Zirve-Büro in Malatya (April 2007) als «Operationen» bezeichnet.
Dieser Begriff sei, so Kenner der Lage in der Türkei, ein ausgesprochen
militärischer Begriff, was damit einer Selbstbezichtigung gleichkomme.
Am Sonntag, den 18. April 2010, jährten sich zum dritten Mal die
Morde. Aus diesem Anlass gab es an den Gräbern aller drei Märtyrer
Gedenkveranstaltungen.
Auf die Frage nach dem Prozessverlauf meinte
Susanne Geske, sie sei «ein Stück enttäuscht», dass der Prozess, «der
nun schon so lange dauert», nicht wie geplant am 15. April zu Ende
gegangen ist, sondern erneut verschoben wurde. Ihren Alltag betreffe
dies aber nicht. «Wir bleiben hier, die Kinder gehen in die Schule.
Alles wird so weitergehen wie bisher. Wir sind sehr gern in Malatya,
das war schon vorher so und ist es auch heute. Die Menschen kennen uns
jetzt, sind sehr freundlich. Die Nachbarn sehr hilfsbereit. Darüber
freue ich mich natürlich sehr.»
Auf die Frage nach ihren Gefühlen
gegenüber den Mördern ihres Mannes sagte sie: «Am Tag nach dem Ereignis
konnte ich den Mördern vergeben. Das hat sich auch bis heute nicht
geändert. Ich empfinde ihnen gegenüber keinen Hass, das kann ich aus
tiefstem Herzen bestätigen, Rache oder Ähnliches empfinde ich nicht.»
Deshalb stehe für sie im Zentrum des Prozesses nicht die Verurteilung
der fünf Angeklagten, «sondern die Frage nach den Hintermännern. ...
Wer steht dahinter, wer waren die Auftraggeber für diesen grausamen
Mord?»
Ob sie als Familie psychologische Hilfe in Anspruch genommen
hätten, war die nächste Frage von CNN. Susanne Geske: «In dieser
Hinsicht haben wir alle keinerlei psychologische Hilfe in Anspruch
genommen. Unser Psychologe ist Jesus Christus, mit dem wir ständig im
Gebet verbunden sind. Wir lesen in der Bibel und empfangen Trost. Was
die Vergebung anbetrifft: So wie Jesus Christus mir meine Schuld
vergeben hat, so vergebe ich auch Menschen, die mir gegenüber schuldig
geworden sind. Das ist mein Glaube. Normalerweise ist es doch so, dass
Menschen in einer solchen Situation Hass und Rache empfinden. Aber so
ist es nicht, wenn jemand aus dem Glauben heraus lebt und auf Jesus
Christus schaut. Die Kraft, vergeben zu können, kommt allein von Gott.»
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